Bericht über meine Kosovo-Reise vom 18. - 31. Juli 2003
(Teil meiner Autobiografie "Ich habe gelebt !" Letzte Aenderung: Version 1.3 vom 21. Sept. 2016)

Landkarte Kosovo
Landkarte des Kosovo

Überblick

Vor 5 Jahren haben Daniela und Eshref in Abtwil (SG) geheiratet. Ich als Vater von Daniela habe diese Heirat mit einem Kosovo-Albaner gar nicht gerne gesehen und mich mit Handen und Füssen dagegen gewehrt. Der arme Eshref hat diesen Widerstand immer wieder spüren müssen, denn jedesmal wenn ich die Tages-Zeitung auftat, las ich Berichte von kriminellen Handlungen (Ueberfälle, Rauschgift etc) durch Kosovo-Leute.

Um es vorwegzunehmen, meine Kosovo-Reise und die Kontakte zu den Verwandten von Eshref haben meine Meinung total verändert. Ich habe Eshref Unrecht getan.

Im Herbst letzten Jahres haben mich Daniela und Eshref als "Ehrengast" zu einer Hochzeit des Sohnes von Mejdi Pajaziti in den Kosovo eingeladen. Ich war anfänglich nicht so begeistert, denn alles war mir doch fremd. Wollte ich dieses Abenteuer auf mich nehmen? Die fremde Sprache, die andersartige Lebensweise, die vorhandene Armut und der fehlende Komfort beängstigten mich. Nach langen Hin- und Her-Ueberlegungen und guter Zusprache durch meine Tennispartnerin Kathrin habe ich an Weihnachten als eine Art Weihnachtsgeschenk zugesagt. Seither freute ich mich auf die vermeintlich abenteuerliche Reise.

Und nun habe ich nach Aegypten etwas weiteres erlebt, was mein ganzes Weltbild in Bezug auf Bedeutung der Familie, Essen und Malzeiten, Armut und Glück veränderte. Diese 2 Wochen in einer muslemischen Grossfamilien-Umgebung haben mir sehr viel gegeben. Ich verstehe nun Daniela und Eshref in vielen Belangen besser. Ich habe nur angenehme, freundliche Kosovo-Albaner angetroffen. Die meisten haben Deutsch gut verstanden, denn sie arbeiteten irgendwann in einem deutschsprachigen Land. Noch nie sah ich im Ausland soviele Autos mit Schweizer Autokennzeichen.

Es ist eine Welt, wo ich mich auch wohl fühlen könnte. Manchmal kam ich mir wie im Schlaraffenland vor, wenn ich sah, wie sich die Familien selber versorgten mit Kuhfleisch, Kuh-Milch und -Käse, Wasser- und Zuckermelonen, Gurken und Paprika, Wasser aus eigener Quelle, Birnen ab dem Baum ..... aber dennoch Geld brauchten sie für Zigaretten, Brot, Strom- und Telefongebühren, Benzin etc. Und dieses Geld erhalten sie von ihren Söhnen, die in Deutschland oder der Schweiz arbeiten.

Sushica
Sushica
Bauernhäuser in Sushica

Foto-Galerien

In diesem Bericht über meinen Kosovo-Besuch haben nur wenige Fotos Platz. Fotos über die Hochzeit, über meine Ausflüge und Rundreise, über das Wohnen in Sushica findet ihr auf eigenständigen Seiten.

Ein paar Worte in Kosovo-Albanisch:

Als Vorbereitung zu meiner Reise schickte mir Daniela diese Liste der wichtigsten Worte und Satzgebilde in Kosovo-Albanisch. Und in der Tat benötigte ich sie tagtäglich:

Daniela
Daniela
Albanischer Begriff:
(phonetisch)
Deutscher Begriff:
Note ne mirSchlaf schön, gute Nacht
mireditaGuten Tag
MiremengjesGuten Morgen (Begrüssung am Morgen)
qysh ("yüsch") je?Wie geht's?
a je mir?Geht es gut?
mirgut
schum e mirsehr gut
te a je mirwie geht es dir?
hajdekomm!
ocrüHabe genug (gegessen)
iam giDanke, habe genug gegessen
faliminderDanke
Dite ne mirAuf Wiedersehen, schönen Tag noch!
Mir men gjesGuten Morgen!
Mir embre maGuten Abend!
iam gidanke, es hat geschmeckt. Mag nicht mehr
jonein
poja
moNein (... das darfst du nicht!)
Nuk koptojIch verstehe nicht

Kosovo im Internet

Beim Schreiben dieses Reiseberichtes hat mir das Internet sehr grosse Dienste geleistet. Erstaunt war ich über die unzähligen deutschsprachigen Berichte von Militärs, Politikern, Journalisten usw. Ich fand Beiträge mit Fotos über die ersten Tage Mitte 1999 der KFOR-Truppen im Kriegsgebiet. Es war z.B. für die Deutschen Truppen kein Ferienlager, was sie anfänglich im Gebiet Prizren antrafen und erlebten.

Max mit Enkelkind Anina
Max mit Enkelkind Anina

Freitag, 18. Juli 2003: Flug und Ankunft in Pristina

Um 11 Uhr flog ich in einer ausgebuchten Airbus A321 der SWISS in Zürich ab und landete gute 2 Stunden später in Pristina. Der Flug ging entlang der italienischen Küste bis auf die Höhe von Pescara und dann quer über die Adria via Albanien nach Pristina.

Bereits im Flug begannen erstaunliche Erlebnisse. Ich kam ja mit grossem Handgepäck an, denn ich transportierte u.a. ein paar Kilo Basler-Läckerli, und war masslos erstaunt, dass die Kosovo-Albaner praktisch kein Handgepäck mit sich führten!

Angekommen in Pristina gings wie üblich durch den Zoll. Dieser Zoll war aber ein spezieller: Er war international besetzt. Da sass ein Deutscher Zollbeamter neben einem Inder und einer Engländerin! Sie nahms am genauesten.

Ueberall KFOR-Fahrzeuge und -Truppen
Schwedischer KFOR-Panzerwagen
Schwedischer KFOR-Panzerwagen

Wie gross war doch die Freude, als ich beim Flughafen-Ausgang Daniela und Eshref erblickte. Und dann gings auf den Parkplatz .... mit mehrheitlich Autos mit Schweizer Kennzeichen! Autos von Fremdarbeitern aus der Schweiz. Dieses Bild entdeckte ich überall im Kosovo und ganz extrem vor den guten Restaurants: parkierende Autos mit Schweizer Kennzeichen.

Bereits nach wenigen Kilometern im Auto vom Flughafen nach Sushica, wo Eshref und Daniela wohnten, kam die nächste Ueberraschung: Ich erwartete vom Krieg zerstörte Häuser und entdeckte, so weit mein Auge reichte, nur neuere Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser. Keines älter als 3 Jahre. (Wie mir erst später klar wurde: Das Kosovo wurden durch den Krieg direkt vom Mittelalter in die Neuzeit katapultiert.)

Anfänglich fuhren wir über ganz normal asphaltierte Strassen mit viel Verkehr an schwedischen KFOR-Kasernen vorbei durch Pristina in Richtung Sushica .... und dann kamen Wege mit Schlaglöchern, wie man sie in der Schweiz höchstens auf einer Alpweide vorfindet. Im Schritttempo den tiefen Löchern ausweichend kamen wir auf dem Hof von Gani und Elfete Krasniqi den Eltern von Eshref an, wo ich aufs herzlichste begrüsst und im neuen Haus mein Zimmer beziehen konnte. Es roch alles frisch nach Farbe, denn Neat, der Bruder von Eshref, hat für mich alles am Vortag schön bereitgemacht.

An dieser Stelle will ich noch von einer typischen Geschichte berichten, nämlich die vom Treppengeländer im neuen Haus, denn ein solches fehlte noch, als ich einzog. Also fuhr man nach Pristina und die angrenzenden Dörfer, um einen Handwerker zu finden, der möglichst günstig ein Alu-Geländer anbieten konnte. Um die 650 Euro inkl. Installation verlangte ein Handwerker aus Ferizaj für etwa 25 Laufmeter Geländer. Bereits am nächsten Morgen um etwa 10 Uhr fuhr ein Lastwagen mit 3 Arbeitern vor und sie arbeiteten und arbeiteten und arbeiteten ... den ganzen Tag .... und auch die ganze Nacht, bis sie am Morgen um 5 Uhr ihr Werkzeug einpackten.

Die beiden Wohnhäuser in Sushica
Sushica altes Haus
Altes Haus
Sushica neues Haus
Unverputzter Neubau

Hochzeit des Sohnes von Mejdi Pajaziti

Mejdi ist ein Onkel von Eshref, er ist der Bruder von Eshrefs Mutter. Es ist wichtig zu wissen, dass die Hochzeit eines Sohnes in der muslemischen Welt etwas ganz besonderes bedeutet, denn die Söhne sind die "Lebensversicherung" der Eltern. Sie sorgen im Alter für ihre Eltern. Sie wohnen meistens weiterhin im Hause des Vaters. Die Töchter hingegen ziehen zu ihrem Bräutigam, d.h. zu den Schwiegereltern.

Schwiegermutter Elfete, Daniela und Luda
Schwiegermutter Elfete, Daniela und Luda

Aus dieser Sicht heraus ist die Hochzeit eines Sohnes immer etwas besonderes. Der Vater bereitet für ihn ein grosses mehrtägiges Fest vor. In diesem Fall waren über 400 Gäste eingeladen, d.h. die ganze direkte Verwandtschaft aus Mejdis-Stammbaum. Die Hochzeit dauerte 3 Tage.

Wenn ich es richtig verstanden habe, hat der Kosovo noch keine offizielle Flagge. An privaten Festlichkeiten wie an Hochzeiten benutzen die Kosovo-Albaner jedoch die albanische Flagge mit dem Doppeladler auf rotem Grund als ihr Freiheitszeichen. Die Kosovo-Flagge wird stolz aufgehängt und fährt im vordersten Auto in der Autokolone mit, wenn die Braut abgeholt wird.

Interessant für mich war, dass Frauen und Männer getrennt sassen und auch tanzten. Einzig am 2. Tag beim Hochzeitsmahl im Restaurant sassen die Ehepaare und Familien zusammen.

Tanzen ist ein wichtiger Bestandteil während Festlichkeiten. Es ist eine Art Polonaise, wobei der vorderste Tänzer oder Tänzerin den Tanzschritt und das Tempo vorgibt. Er/Sie trägt zu diesem Zeichen in der rechten erhobenen Hand ein kleines Tuch.

Die meisten Frauen kamen wie Königinnen daher. Sie trugen kunstvoll aufgesteckte Frisuren geschmückt mit Glasperlen. Mehrmals am Tag wechselten sie ihre farbenfrohen Abend-Kleider. Nicht zu übersehen war der Goldschmuck, den jede Frau trug.

Der Goldschmuck geniesst im muslemischen Leben eine grosse Bedeutung. Zur Hochzeit schenkt man der Braut jede Menge Goldschmuck. Dies ist eine Art Lebensversicherung, wenn der Mann stirbt (oder abhaut!). Diesen Schmuck tragen die Frauen dann bei Festlichkeiten, was in der Menge für mich sehr ungewohnt war. An jedem Finger steckte mindestens ein Ring, und um den Hals mehrere Ketten. Mit Gold zeigt der Mann, wie sehr er seine Frau liebt.

Der muslemische Glaube verbietet den Genuss von Alkohol, sowie auch das Essen von Schweinefleisch. An der Hochzeit wurden nur die Süssgetränke Cola, Sprite, Fanta sowie Wasser getrunken. Am späteren Nachmitag des 1. Abends offerierte mir Mejdi (als spezielle Geste) ein deutsches Büchsen-Bier, das ich dankend annahm. Es sollte mein letztes im Kosovo sein, denn wegen der hohen Hitze knapp unter 40°C schoss mir der Alkohol unverzüglich in meinen Kopf und ich hatte Mühe, wach zu bleiben.

Ein beliebtes Genussmittel der Männer (und vieler Frauen) ist das Rauchen von Zigaretten. Beliebt sind die bekannten amerikanischen Marken wie Marlboro, die auf dem Markt für 7 Euro die Stange günstig gekauft werden können. Es gehört zur Begrüssung unter den Männern, dass sie sich gegenseitig mit gekonntem und elegantem Wurf Zigaretten zuwerfen. Früher sassen die Männer der ganzen Sippschaft (=Familie) in einem eigenen Männerhaus um ein Holzfeuer und rauchten und diskutierten.

Im Gegensatz zu den Christen kennen die Moslems die krichliche resp. geistliche Trauung nicht. Die Trauung wird einzig vor politischen Gremien vollzogen.

Tanz an der Hochzeit
Daniela und Eshref beim Tanz

Sa, 19. Juli 2003: Erster Hochzeitstag

Der erste Tag der Hochzeit, es war Samstag, war eine Art Polterabend des Bräutigams. Der "Abend" begann bereits am Nachmittag und dauerte bis nach Mitternacht. Als ich mit Eshref und Daniela ankam, wurde ich von Eshref darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich zu den den Männern begeben muss. Als ich dort ankam, standen alle auch die ältesten Männer auf, um mich ehrfurchtvoll zu begrüssen. Sie setzten sich erst wieder, als ich mich auch hinsetzte. Hier bemerkte ich erstmals, dass ich eine Art Ehrengast war. ... und diese Zustand währte während meines ganzen Aufenthalts im Kosovo.

Ueberrascht war ich, dass die meisten der Männer gut Deutsch sprachen. Entweder arbeiteten sie oder waren in der Vergangenheit Fremdarbeiter in der Schweiz oder in Deutschland. Und mit den übrigen konnte ich mich mit Händen und Füssen, oder in Englisch verständlich machen. Und zudem hatte ich mit Daniela und Eshref geduldige, professionelle Uebersetzer. Dadurch habe ich mich sehr schnell in dieser fremden Umgebung wohl gefühlt. Als Vater von Daniela konnte ich sehr stolz sein, denn sie wurde von den Einheimischen wegen ihrer Sprach-Kenntnisse bewundert. In der Tat kann sich Daniela fliessend und problemlos mit den Einheimischen unterhalten.

So, 20. Juli 2003: Zweiter Hochzeitstag

Am zweiten Tag, es war Sonntag und man traf sich bereits um 10 Uhr zum Frühstück, gings darum, die Braut bei ihren Eltern abzuholen und die beiden zu feiern. Um die Mittagszeit herum fuhr die Hochzeitsgesellschaft des Bräutigams in über 50 Privat-Autos von Gjilan, wo der Bräutigam wohnte, via Pristina zum Wohnort der Braut, um sie abzuholen. Auch dort wieder die Trennung nach Mann und Frau, wobei die Frauen die Braut begrüssten und abholten. Wir Männer wurden in einen Nachbarsgarten geführt und wurden von den Männern der Braut mit ganz spezieller Zeremonie je nach Hochachtung mit rechter Hand oder linker Hand am Herz begrüsst. Dann erhielten wir von den Männern der Braut-Seite die obligaten Begrüssungs-Zigaretten, zum Trinken die Cola-, Fanta- und Sprite-Büchsen und wiederum das obligatorische Tänzchen.

Tanz in Pristina
Tanz auf der Hauptstrasse in Pristina

Die Rückfahrt mit der Braut werde ich nicht so schnell wieder vergessen, denn mitten in Pristina wartete eine Pferde-Kutsche auf das Brautpaar und gemütlich fuhren wir durch die Hauptstrasse der Hauptstadt .... und weil die Musikkapelle auf einem VW-Transporter mitfuhr, wurde kurzerhand auf der Hauptstrasse ein Tänzchen abgehalten. Wer nun grosse Hup-Konzerte erwartet hätte, sah sich getäuscht. Alles blieb ruhig und die Autos inkl. KFOR- und UNMIK-Jeeps warteten geduldig und freuten sich über die Hochzeit. Ausserhalb von Pristina wurde die Kutsche samt Pferd auf einen Lastwagen verfrachtet und in Gjilan wieder ausgeladen, wo das Brautpaar nochmals durch ihre Heimatstadt fuhr.

Den Abend verbrachte die über 400 köpfige Hochzeitsgesellschaft in einem grossen Saal eines Hotel etwas ausserhalb von Gjilan. Es wurde gegessen, gefeiert und getanzt bis morgens um 03:30 Uhr. Im Gegensatz zu unserem Brauchtum feierte das Brautpaar nicht lustig und ausgelassen mit. Mit ernster, feierlicher und zurückhaltender Mine verfolgte das Brautpaar (vorallem die Braut) die Geschehnisse um sie herum. Selten war ein Lächeln zu sehen. Daniela hat mir erklärt, so sei es eben Brauch.

Mo, 21. Juli 2003: Dritter Hochzeitstag

An diesem Tag war ich dann nicht mehr dabei. Er war für die Frauen reserviert, die ihre neue "Leidensgenossin" in ihrer Mitte aufnahmen. Wie mir Daniela berichtete, hat die Braut ihre Handarbeiten wie die selbst gehäkelten Decken, Tischtücher, Kissen etc gezeigt. Sie durfte heute erstmals eine junge lebensfrohe Frau sein.

Ausflüge rund um Pristina (110'000 Einwohner)

Massengräber in Rezak
Massengräber in Rezak

Enver, ein Cousin von Eshref, liess es sich nicht nehmen, mich und Daniela/Eshref in die Umgebung von Pristina mitzunehmen. Das Kosovo ist ja gar nicht so gross. Die Distanzen betragen zwischen Nord-Süd 100 km und Ost-West 120 km. Mit seinem alten VW Golf fuhren wir in Richtung Skopje (Mazedonien) via Lipjan nach Ferizaj, spazierten durch die kleinen Städte und besuchten zum Schluss noch eines der unzähligen Massaker-Gräber in Rezak. Es machte mich sehr nachdenklich, dass an dieser Stelle, wo ich stand, vor nur etwa 4 Jahren blutige Massen-Morde stattgefunden haben.

Auf einem zweiten Ausflug gings nach Prizren (100'000 Einwohner), der ältesten Stadt und ehemaligen Hauptstadt des Kosovo. Wenn man weiss, welche Greueltaten hier im Krieg passierten und wieviele Häuser von beiden Seiten niedergebrannt wurden, dann erstaunt es, dass man nichts mehr davon sieht. Prizren ist eine wunderbare schöne Stadt mit vielen alten Häusern.

Bei einem Ausflug nach dem Dörfchen Akllap zu Luda, der Schwester von Eshref, habe ich ein Beispiel für die Zerstörungswut der Serben besichtigen können. Ihr ganzes Dorf wurde komplett zerstört. Alle Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht. Ein solches Bild war nicht einmalig. Ich sah mehrere derartige Zerstörungen im Kosovo.

 

 

 

Zerstörtes Haus im Kosovo
Zerstörtes Haus in Akllap

Das Leben im Kosovo

Im Kosovo herrschen widrige soziale Verhältnisse, jedoch als Gegensatz dazu auch Cafehäuser, die Medienvielfalt, die sichtbare Gleichberechtigung der Frauen, das freie Wort, all das, was zur modernen bürgerlichen Aufklärung gehört. Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit bei 57%, in Wirklichkeit ist die Zahl wesentlich höher. Ein Pensionist erhält oft nur eine Rente von 20 bis 35 Euro im Monat. Das Durchschnittseinkommen eines Arbeiters liegt bei 135 Euro. Reguläres Arbeitslosengeld gibt es im Kosovo nicht.

Die meisten Albaner sind in ihrer Einstellung zur Religion relativ tolerant. Besondere oder gar fanatische Religiosität ist bis heute der absoluten Mehrheit der Albaner fremd. In Prishtina ruft zwar am Freitag der Vorbeter zum Gebet, daneben geht der Autoverkehr munter weiter. Frauen mit Kopftuch sind die absolute Ausnahme.

Da die Amerikaner durch ihre Luftwaffe die Serben aus dem Land trieben, sind sie in Pristina hoch angesehen. Eine Strasse wurde nach dem Präsidenten Bill Clinton benannt.

Einkauf im Bazar
Einkauf im Bazar

Die beiden Bazars in Pristina waren voll auf mich zugeschnitten. Ich liebe ja das Einkaufen so sehr und hier fand ich ein Einkaufs-Paradies. 3/4-lange Freizeithosen für 6 Euro, oder 3 Unterhosen für 1 Euro .... und alles gefälschte oder nachgemachte Designer-Klamotten.

Die Lufttemperatur im Kosovo war zwischen 30 - 40°C. Jeden Einkaufs-Trip beendeten wir in einem der vielen Kaffeehäuser in Pristina. Eine Schale Glace mit 5 Kugeln der verschiedensten Geschmäcker kostete Euro 1.50. Eine der grössten Freuden machte ich, wenn ich jemanden aus dem Kosovo zu einer Portion Eis einlud, denn Geld besitzen auch gutausgebildete Leute wenig. Ein Lehrer verdient etwa 300 Euro im Monat und ernährt nicht nur seine Familie sondern auch seine Brüder und unverheirateten Schwestern, sowie seine Eltern.

Als wir das erste Mal im Cafehaus Eis assen, bezahlte ich für 5 Portionen 7.50 Euro. Die Bedienung war exzellent und so rundete ich (etwas übertrieben zwar) auf 10 Euro auf. Welche Freude muss ich da gemacht haben, denn als wir am Tag darauf wieder kamen, wurden wir wie alte Bekannte begrüsst und schnell war für uns ein Tisch frei gemacht .... und als Ueberraschung entdeckte ich eine 6. Kugel Glacé als Ehrbezeugung und Dankeschön.

Die Jungen von Sushica
Neat, der Bruder von Eshref
Neat, der Bruder von Eshref
Suli und Ismail mit ihren beiden Schwestern
Suli und Ismail mit ihren beiden Schwestern

Im Kosovo sieht man viele uralte vergammelte Autos. Es ist erstaunlich, wie diese am Leben erhalten werden. Bei Neat seinem "betagten" aber sehr gepflegten VW Golf lag eines Morgens der Auspuff unter dem Auto. Der hinterste Auspufftopf war abgebrochen. Mit Draht wurde er notdürftig repariert und aufgehängt, und dann gings auf den Weg nach Pristina. Zuerst erkundigten wir uns bei den "feindlichen" Serben, denn diese verkaufen die günstigsten Auspufftöpfe. Aber 100 Euro waren doch etwas teuer und für Neat unerschwinglich. Schlussendlich fanden wir eine Garage, in der sie mit einer Manschette die beiden abgebrochenen Stücke zusammenschweissten und wieder am Auto montierten. Ganze 2 Stunden dauerte die Reparatur und kostete Euro 10 !

Mittagessen
Mittagessen: Genaue Beobachter Ghani und Anina

Tagesablauf bei Eshrefs zu Hause

Ich habe im Kosovo wunderbar geschlafen und bin erst um 9 Uhr aufgestanden. Es war kühl in der Nacht. Ich nehme an, die Einheimischen stehen bereits bei Tagesanbruch auf. Gegessen wird später als bei uns: Frühstück 10-12 Uhr, Mittagessen 16-17 Uhr, Nachtessen 21-23 Uhr. Man sitzt beim Essen sehr gemütlich beisammen und nutzt die Zeit, um zu plaudern und zu erzählen. Es ist auch die Zeit, in der man sich gegenseitig besucht. Zu meiner Zeit waren die Besuche extrem. Jedermann wollte mich sehen.

Zu den ständigen Besuchen gehörten die Nachbarn aus der direkten Verwandschaft. Die 2 Brüder von Gani, dann deren Nachwuchs wie Ismail genannt Smiley, Mensur genannt Zuli, Blerina, die für Anina schaute und viele andere.

Anina und Daniela im Zelt
Anina und Daniela im Zelt

Jede Malzeit beginnt damit, dass man sich die Hände wäscht, denn man isst von Hand. Es gibt kein Besteck und keine persönlichen Teller. Jeder nimmt das aus den Pfannen und Schalen, was ihm gelüstet und isst oder zerkleinert es vor sich auf dem Tisch. Es waren im Normalfall zwischen 8 - 10 Personen um den Tisch.

Die Essen beginnen mit wunderbaren Wassermelonen, und anschliessend füllt sich der Tisch mit leckeren Gerichten wie Reis oder Hirse mit Truten- oder Kuhfleisch, weisse Peperoni roh oder gedämpft, Kuhmilch-Weichkäse (wie der griechische Feta), Rührei, Rahmquark (=Long), eingemachte saure Gurken, Brot .... und zum Trinken reines Wasser aus eigener Quelle. Zum Abschluss gibts dann typischen Schwarz-Tee aus den Doppelkannen (in der unteren Kanne heisses Wasser und in der oberen Kanne konzentrierter Tee).

1. August im Sushica
Sushica
Feuerwerk mit Anina

Rückflug und Ausblick

Nach 2 Wochen im Kosovo war ich erschöpft und im Kopf leer. Ich habe unheimlich viel erlebt und ganz besondere Eindrücke aufgenommen. Ich war in einer anderen Welt. An jedem Tag vom Morgen bis spät abends war ich im Mittelpunkt. Die Kosovo-Albaner sind einmalige Gastgeber. Sie hätten mir ihr letztes Hemd gegeben, wenn ich es gebraucht hätte.

Ich habs versprochen und werde es halten: Ich komme zur Hochzeit von Neat oder Ismail oder..... wieder. Und wenns zu lange dauert, wird sich ein anderer Grund finden lassen.

 

Autobiografie von Max Lehmann
Schafmattweg 13, CH-4102 Binningen
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