Bericht über meine 2. Kosovo-Reise vom 25. Juli - 3. Aug. 2007
(Teil meiner Autobiografie "Ich habe gelebt !" Letzte Aenderung: Version 2.0 vom 8. Sept. 2015)

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Der Kosovo in Europa
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Als ich vor 4 Jahren erstmals in den Kosovo flog, war dies für mich eine Expedition und ein Abenteuer ins Ungewisse, denn ich kannte dieses Land und deren Einwohner nur aus der Presse und dem Fernsehen, und vielen gutgemeinten Ratschlägen. Zudem war der schreckliche Vernichtungs-Krieg der Serben gegen den Kosovo erst 3 Jahre beendet.

Dieses Mal war es eine Reise zurück zu Freunden. Und ich fühlte mich von Anbeginn an wohl in diesem Lande. Irgendwie sind die Leute hier ganz anders, als die Kosovo-Albaner in der Schweiz. In der Schweiz ist es, wie wenn sie losgelassen würden und meinen, ihre Männlichkeit mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln beweisen zu müssen! Es ist tragisch, dass eine Minderheit für derart negative Schlagzeilen verantwortlich ist. Hier im Kosovo erlebt man ein Familienleben mit klaren Hierarchien, an denen sich auch die Jungen halten müssen.

Personen in diesem Reise-Bericht

Zum besseren Verständnis führe ich hier alle Personen auf, die in diesem Bericht erwähnt werden:

Meine beiden Gross-Kinder
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Anina

Leon

Echo auf meinen letzten Reise-Bericht aus dem Jahre 2003

Im Anschluss an meinen letzten Besuch habe ich im Internet einen Reise-Bericht, sowie einen Bericht über die Geschichte des Kosovo und den Kosovo-Krieg verfasst und veröffentlicht. Der Feedback aus dem Internet war für mich unerwartet. Von vielen Kosovaren (Frauen und Männern) aus dem deutschsprachige Ausland erhielt ich Komplimente und Dankeschöns, weil ich auch etwas positives über dieses Land geschrieben hätte. Ich erhielt aber auch von Frauen Anfragen, wie sie sich verhalten sollen, weil sie einen Kosovo-Mann liebten, ihre Eltern aber durchdrehen würden. Ich kam mir manchmal vor wie ein Ehe-Berater, wobei mir die Hilferufe sehr bekannt vorkamen. Ich habe jedes Mail und jede Anfrage beantwortet.

Nachstehend einer meiner Ratschläge an eine Deutsche, die in einen Kosovo-Albaner verliebt war:

Liebe Frau Tozek

Sie haben bestimmt in meinem Reise-Bericht aus dem Jahre 2003 gelesen, dass auch ich anfänglich gar keine Freude an der Beziehung meiner Tochter hatte. Aber nach meinem Besuch im Kosovo vor 4 Jahren haben sich bei mir die Vorbehalte gelegt.

Die beiden leben weiterhin in der Schweiz, weil es im Kosovo keine oder wenig Arbeit gibt. Nächste Woche gehe ich wieder für 2 Wochen in den Kosovo, an eine Hochzeit des Bruders meines Schwiegersohnes. Ich freue mich darauf, all die lieben und netten Leute wieder zu treffen. Dies sollten sie unbedingt auch tun, vorallem um deren Lebensweise innerhalb der Familie kennenzulernen. Sie ist total anders als in Deutschland/Schweiz. Dies ist der grösste Unterschied zu unserer westlichen Lebensweise. Sie werden in einer Gross-Familie mit mehreren Generationen leben. Die Aelteren bestimmen das Leben und sind auf die (finanzielle) Hilfe der arbeitenden Männer angewiesen. Wenn sie dies nicht mögen, dann müssen sie zu sich ehrlich sein und ihre Konsequenzen ziehen. Ihr Mann wird und kann sich nicht Ihnen zu Liebe ändern.

Nun zu Ihren Fragen: In Bezug auf Religion weiss ich nicht, wie das genau läuft. Ich nehme an, dass meine Tochter weiterhin katholisch ist (aber nicht praktizierend) und ihr Mann Moslem (auch nicht praktizierend). Ich weiss nun nicht, ob meine beiden Enkelkinder in Katholisch oder wahrscheinlich ohne Religion erzogen werden (denn ich wüsste nicht, in welche Mosche die beiden in der Schweiz gehen würden). Wenn meine Tochter in den Islam-Glauben konvertieren würde, da werde ich mich nicht dagegen wehren. Dies ist ihre Sache. Sie muss nur davon überzeugt sein.

Meine Tochter spricht fliessend albanisch. Diese Sprache hat sie begonnen zu lernen, als sie ihren Mann kennengelernt hat. Sie wird heute von den Kosovaren bewundert, weil sie das so gut kann. Ich denke, dies sollten sie auch tun, denn sie erwarten auch (mit Recht) dass ihr zukünftiger Mann deutsch sprechen kann.

So das war meine Meinung. Denken Sie daran, dass Ihre Eltern vielleicht keine grosse Freude an ihrer Beziehung und einer ev. Heirat haben. Sie meinen es aber nur gut mit Ihnen. Haben Sie etwas Geduld. Seien sie sich aber bewusst, dass wegen der meist schlechten Ausbildung die Kosovo-Albaner keine guten Jobs in Deutschland/Schweiz erhalten... und in der Heimat noch weniger. Dort geht es wirklich nur ums Ueberleben.

Ich wünsche Ihnen zu Ihren Entscheiden alles Gute. Sie werden bestimmt das Richtige tun.
Ihr Max Lehman
(20. Juli 2007)

Mittwoch, 25. Juli: Hinflug mit der BelAir

Ich war mir bewusst, dieser Kosovo-Aufenthalt wird zu keiner Erholungsreise führen. Diese Befürchtung bestätigte sich bereits wegen meiner Abflugzeit um 6 Uhr früh ab Flughafen Zürich, d.h. Tagwache um 2 Uhr in der Nacht und Fahrt von Basel zum Flughafen mit Renato B. Der Abflug verzögerte sich dann bis um etwa 7 Uhr, weil die letzten Passagiere sich keinen Deut um die Abflugzeit kümmerten. Typisch Kosovo!

Wir hatten einen ruhigen und wunderbaren Flug von Zürich über Bozen - Istrien - der kroatischen Küste entlang über Montenegro und Tirana (Albanien) nach Pristina. Der dortige Flughafen besteht nur aus einer Start-/Landepiste und 2 kleinen Ankunfts- resp. Abfluggebäuden mit je 6 Check-in-Schaltern. Im Gegensatz zu der Zeit vor 4 Jahren war der Zoll und auch die Polizei durch nette Einheimische besetzt, die als Repräsentanten des Kosovo einen guten ersten Eindruck machten!

Ich kam mit dem 2. Flugzeug an diesem Tag um etwa 9 Uhr an. Es war 25 °C warm. Als ich aus der Ankunftshalle vor den Flugblatz trat, hat es mich fast überschlagen. Es standen Hunderte von Kosovaren vor dem Eingang, um ihre Freunde und Verwandten abzuholen. So weit mein Auge reichte, nur Menschen. Wo mochten nur Daniela und Eshref sein? Aber ganz zum Schluss habe ich auch sie entdeckt ... und Leon und Anina umarmten ihren Papapa.


Sushica: Links das neue und rechts das alte Haus

Sushica

Ich wohnte in einem eigenen Zimmer im neuen Haus bei den Eltern meines Schwiegersohnes im Dorfe Sushica. Das Dorf Sushica liegt etwa 20 km ausserhalb von Pristina. Man fährt von Pristina durch die Serben-Enklave Gracanica über eine schmale holprige Strasse nach Sushica. Vor 4 Jahren war diese kleine Strasse noch nicht asphaltiert und in einem bedauerlichen Zustand. Nur im Schritt-Tempo konnte sie befahren werden.

Sushica ist ein typisches Bauerndorf, bewohnt von Albanern und Serben. Rund um den Hof der Eltern von Eshref wohnen mindestens 10-20 weitere Krasniqi-Familien mit ihren Angehörigen.

Bauern-Höfe und -Ställe in Sushica
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Hof von Gafur

Stall mit SAT-Schüssel

Typische Mauern mit Gebäude

Serbisch orthodoxe Kirche

Pristina und Umgebung

In der Kosovo-Hauptstadt Pristina herrscht ein emsiges geschäftiges Treiben. Im Zentrum lautet die Devise: Kaufen, Einkaufen, Verkaufen .... Geschäfte und Bazare bieten ihre Waren zu günstigen Preisen an. Wie ich jedoch vernommen habe, sind die Preise im Sommer, wenn die "reichen" Ausland-Kosovaren anreisen, am höchsten.

Im Zentrum befindet sich der alte Bazar mit mobilen Ständen für Gemüse, Haushaltsartikel und Zigaretten. Für eine Stange Original-Marlboro bezahlt man € 5. Aus diesem Grund ist der Kosovo ein Eldorado für Raucher. 99% der Männer rauchen. Rauchen gehört zu ihrem Leben. Sobald sich ein paar Männer treffen, tauschen sie sich gegenseitig Zigeretten aus. Jeder wirft dem anderen eine Stengel zu, sodass am Schluss jeder wieder gleich viele hat, nur unterschiedliche Marken. Die Einheimischen haben nie ganz begriffen, warum ich nicht rauche! Es war für sie unverständlich!

Shopping im alten Bazar
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Der alte Bazar

Gemüse und Früchte

Abendkleider

Blaues Abendkleid

Der neue grosse Bazar etwas ausserhalb Pristina war für mich ein Paradies. Dort konnte ich meine Shopping-Sucht ausleben, ohne viel Geld zu verlieren. Ich hatte leider nur etwas wenig Zeit. Man findet dort (imitierte) Lacoste-Shirts zu € 5, Hilfinger, Ralf Lauren, Polo Hemden zu € 10, Versace oder Armani-Jeans zu € 15, pfiffige Party-Kleider für Frauen zu € 30-40, komplette Anzüge für Männer zu € 25

Die Altstadt von Pristina
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Altes Häuser

Türkisches Haus

Türkisches Haus: Blick von der anderen Seite

Unvergesslich das Eis in Pristina

Wir Schweizer sind verwöhnt. Ein Glacé oder Eis ist für uns nichts besonderes. Anders für die Einheimischen. Milaim genoss das Softeis. Es war möglicherweise sein Erstes. Ein anderes Mal entdeckten wir ein Kaffeehaus mit wunderbarem Eis. 5 Kugeln erhielt jeder. Für Semir war es ein Festtag!

Soft-Eis
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Milaim mit einem Softeis

Anina geniesst es auch

Merita

Wie vor 4 Jahren war auch diesmal der Grund meines Besuches eine Hochzeit. Ich hatte es versprochen, wieder zu kommen, sobald Nehat, der Bruder meines Schwiegersohnes Eshref, heiraten würde. Nun war es soweit. Merita war seine Liebste. Wie mir die beiden erzählten, haben sie sich vor 2 Jahren kennengelernt. Merita war wie so oft in den Ferien zu Besuch bei ihrer Tante etwas oberhalb von Sushica, also unweit von Nehat. Er muss dies gerochen haben, denn .......

Ich hatte mehrmals das Glück, mit Merita alleine sprechen zu können. Sie ist eine moderne Frau. Eine Frau mit klaren Vorstellungen und weiss, die herrschenden Traditionen im Kosovo so anzuwenden, dass es für sie stimmt. Man merkt es ihr an, dass sie ihre ganze Schulbildung in Deutschland genossen hat. Nehat ist ein Glückspilz!


Nehat und Merita

Die Hochzeit von Nehat und Merita

Bereits in meinem Kosovo-Bericht 2003 habe ich ausführlich über die Hochzeits-Feierlichkeiten berichtet. Ich werde mich hier auf das Wesentliche und auf Neu-Erlebtes beschränken.

Daniela und Eshref waren die unermüdlichen Organisatoren dieser Hochzeit. Als sie heirateten, herrschte im Kosovo Krieg und sie heirateten in der Schweiz. Mit der Hochzeit für Nehat und Merita verwirklichten sie sich ihren Traum einer echten, traditionellen Kosovo-Hochzeit.

Es war unendlich viel vorzubereiten. Bereits Monate vorher haben sie damit begonnen. Nun waren noch Kleinigkeiten zu erledigen. Da wir beim Abholen der Braut durch Serben-Gebiet fahren mussten, hat Eshref wenige Tage zuvor die Polizei und die KFOR über unser Vorhaben orientiert. Als Konsequenz sind am Hochzeitstag im Serben-Dorf Gracanica und vor dem serbisch-orthodoxen Kloster zusätzliche UN-Wachen aufgezogen worden.

Aber auch die jungen Mädchen und Männer haben sich auf die Hochzeit vorbereitet und ihre Hochzeitsgesänge mit dem Tambourin geübt. Ich habe mir sagen lassen, dass diese Lieder so schön sie auch tönen, sich auch gegen die Familie der Braut richteten. Es sind aber auch Lieder darunter, durch die der Bräutigam aufgefordert wird, eine Süssigkeit unter den Sängerinnen und Sängern aufzuteilen.

Und der Schreibende selber hat sich auch vorbereitet. Er ging nämlich zu einem einheimischen Friseur, nicht um sich eine Kunstfrisur zu leisten, sondern um sich für € 3 ein schöner Kurz-Haarschnitt à la Kosovo schneiden zu lassen.

Donnerstag, 26. Juli: Braut-Geschenke überbringen

Ich durfte die Sushica-Delegation der Krasniqis begleiten, die die Brautausstattung der Familie an die Braut zu überbringen hatte. Es waren mehrere Koffer und Reisetaschen, angefüllt mit etwa 10-15 Abendkleidern, Bettwäsche aller Art, Schuhe (alles High Heels), 3 Braut-Sträusse und vieles mehr. Leiter der Delegation war Misim, der Älteste noch lebende der Krasniqi-Dynastie, dann war Gani dabei, der Vater des Bräutigams Nehat und Eshrefs der Bruder von Nehat.

Empfangen wurden wir vom Vater der Braut und 2 seiner 5 Brüder sowie seinen beiden Söhnen. Es war wieder eine typische Männergesellschaft, die sich da im Wohnzimmer zusammensetzte und über Gott und die Welt plauderte, übers Wasser, die Gesundheit etc. Frauen waren nicht dabei und zeigten sich auch nicht. Geschäfte werden unter den Männern abgewickelt und eine Hochzeit ist ein Geschäft. Ein grosses Geschäft, denn man holt sich eine Frau ins Haus, die für männliche Nachkommen sorgen soll. Und diese Nachkommen sorgen im Alter für das Wohlergehen der Eltern, d.h. sind deren Alters-Vorsorge.

Wir waren nur 1 Stunde dort. Bedient wurden wir von den beiden erwachsenen Söhnen des Brautvaters:

Samstag, 28. Juli: Polterabend

Am Vorabend der Hochzeit fand der Polterabend statt. Bereits am Nachmittag haben die jungen Männer und Mädchen (unverheiratete Jungfrauen) mir die Grundschritte des albanischen Tanzes beigebracht. Sie wollten mich einfach zum fröhlichen Tanzen bringen, was ihnen auch gelang. Im Laufe der Hochzeitstage stellte ich auch fest, dass das Tanzen ein ganz wichtiger Bestandteil im Leben der Kosovo-Albaner darstellt. Darin können sie am besten ihrer Lebensfreude Ausdruck geben.

Der Polterabend begann bereits am späteren Nachmittag und fand auf dem Hof der Eltern des Bräutigams statt. Es waren bestimmt über 200 Erwachsene und Kinder anwesend. Etwas erhöht unter einem Nussbaum waren Sitzgelegenheiten aufgestellt. Musik kam von den Jungen, die mit einer Stereoanlage und später noch unterstützt durch einen veritablen PC die Anwesenden mit einheimischer Musik beschallten. Zu später Stunde gabs Gulasch als Verpflegung.

Polterabend, am Tag vor der Hochzeit
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Eshref, Küchenchef und Gehilfe vor dem Holzherd

Gafur, die Grazer, Max, Medji und Misin

Max beim degustieren des Rinds-Gulasch

Party der Jungen bei Gesang und Tanz

Sonntag, 29. Juli: Hochzeitstag

Am Hochzeitstag fielen mir die vielen hübsch gekleideten und frisierten Frauen auf. Sie alle gingen am selben Tag noch zum Friseur und liessen sich eine Kunst-Frisur legen. Selbstverständlich trugen sie dazu auch eines der vielen schönen Festtags- und Partykleider, und die meisten wechselten im Laufe das Tages/Abends ihre Kleider.

Am Nachmittag wurde die Braut in ihrem Elternhaus abgeholt

Abfahrt vom Haus des Bräutigams Nehat
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Familienbild der Krasniqis

Max, Daniela und die Kinder

Daniela mit Leon und Anina
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Jedes Auto wird geschmückt

Eshref mit seinr Mutter Elfete

Eshref hat alles im Griff
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Die beiden Nusen Daniela und Luda

Die grosse Fahrzeugkolonne

Die Kosovo-Flagge
darf nicht fehlen

Der Auto-Konvoi bestand aus 24 Autos inkl. dem Brautwagen, einer gestreckten Mercedes-Limousine mit 6 Türen. Auf der Hinfahrt sahen wir unweit links von uns ein richtiger Tornado aufsteigen. Wow, war schon etwas unheimlich. Die Fahrt führte uns in Richtung Ferizaji in ein kleines Dorf, wo die Eltern der Braut in einem schönen Haus wohnten. Da wir ein wenig zu früh waren, machten wir unterwegs einen kleinen Halt und tanzten auf der Strasse.

Bei der Braut wurden wiederum die Männer und Frauen voneinander abgesondert. Die Männer sassen auf den "Schand-Bänkchen", rauchten Zigaretten und warteten. Auch der Brautvater samt seinen Söhnen sass hier unter den Männern. Er hatte bei den Frauen nichts zu suchen. Die Frauen hingegegen feierten die Braut und holten sie ab.

Männer und Frauen werden getrennt
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Einmarsch der Männer"

Auch Gafur wartet

Max und Gani auf der "Schandbank"
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Onkel der Braut

Zigaretten verteilen

Der älteste Onkel der Braut

Vom Brautvater erhielt ich dann die einmalige Gelegenheit, zu den Frauen rüberzugehen, um dort Fotos zu machen. Die Frauen waren alle in einem "Beduinen-Zelt", das die Familie neben ihrem Haus aufgestellt hatte. Es war schwer zu schätzen, aber es waren bestimmt um die 200 Frauen. Die Braut wartete mit starrem, gegen Boden gerichtetem Blick und aufrechter Körper-Haltung, wie es die Tradition will im Brautzimmer (=Wohnzimmer), bis der Bräutigam sie abholte und sie ins Frauenzelt führte, wo sie sich von den Frauen verabschiedete.

Nachdem die Braut sich auch von ihren Eltern verabschiedet hatte, bestieg das Brautpaar begleitet von 2 Brautdamen (Daniela und Luda) die Stretch-Limousine. Die Braut setzte sich aber aus Tradition noch nicht hin, denn aus Ehrerbietung ihren Eltern gegenüber wartete sie bis zur ersten Brücke. Unter Gehupe gings dann wieder zurück nach Sushica.

Im Zelt der Frauen haben die Männer nichts zu suchen
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Elternhaus mit Frauenzelt

Frauen im Zelt

Frauenzelt
Die Braut wird in ihrem Elternhaus abgeholt
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Merita mit ihren beiden Schwestern

Brautpaar zeigt sich den Frauen

Brautpaar inmitten der Frauen
Abschied von ihrer Familie, Fahrt ins neue Zuhause beim Bräutigam
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Was macht da Anina? Nasye putzen?

Daniela bereits zur Rückfahrt

Abschied der Braut von ihrer Familie

Die Braut traf in Sushica ein

In Sushica übergab die Braut je ein Geschenk an ihre Schwiegereltern und die Brüder ihres Mannes Nehat. Die ganze Familie und Verwandtschaft versammelte sich im Hof und begrüsste die Braut. Nach den obligaten Foto-Sessions begann das Fest im Freien. Es wurde getanzt und gesungen. Die Braut begab sich sodann ins Haus, um sich etwas auszuruhen. Zuvor aber berührte sie mit Zuckerwasser befeuchteten Fingern die oberen Quer-Holme der Eingangstüre. Dies soll dem Haus Glück und Segen bringen. Es war mittlerweile 16 Uhr geworden.

Empfang der Braut im neuen Heim in Sushica
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Luda in der Limousine

Die Braut ist eingetroffen

Die Braut verneigt sich vor Eshref,
dem Bruder ihres Mannes

Die Familie Krasniqi

Zuckerwasser auf die Querholme der Türe

Freudentanz

Eshref tanzt vor Freude

Empfangs-Komitee

Junge Männer

Tanz der Frauen

Alles tanzt

Hochzeitsfest im Hotel Jakova

Als Start des Hochzeitsfestes stand auf der Einladung 19 Uhr. Die letzten Gäste kamen gegen 22 Uhr. Auch dies ist Kosovo. Für uns West-Europäer ist auch ungewohnt, dass die eingeladenen Gäste nicht zu- oder absagen mussten. Die Schätzung von Eshref und Daniela mit etwa 250 Gästen hat sich schlussendlich bestätigt .... bis das Brautpaar in einer Super-Stretch-Limousine vorgefahren war. Stolz und elegant wie ein Königspaar betraten die beiden den grossen Saal, links und rechts von einem Feuerwerk begleitet.

Eintreffen des Brautpaares im Hotel Jakova
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Eintreffen des Brautpaares

Feuerwerk beim Eintreffen des Brautpaares

Hochzeits-Torte

Brautpaar an seinem Ehrenplatz

Etem, Flori, und die Eltern

Die Champagner-Korken knallen

Champagner für das Brautpaar

Anstossen mit dem Brautpaar

Es war ein unvergessliches Hochzeitsfest mit allem Drum und Dran: eine 3-köpfige Musik-Kapelle, die mit grosser Lautstärke die Gäste auf die Tanzfläche trieb. In der Tat wurde von Anfang an getanzt. Etwa die Hälfte der Anwesenden war immer auf der Tanzfläche. Auch ich konnte mich da nicht zurückhalten und gegen Schluss habe ich sogar einen kleinen Tanzgruppe mit einem Taschentuch angeführt.

Hochzeitsfest mit Tanzen und viel Gemütlichkeit
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Eröffnung des Tanzfläche durch das Brautpaar

Tanz des Brautpaares mit den Eltern

Nehat beim Tanz

Tanz des Brautpaares mit den Eltern

Tanz der Eltern

Eshref und Daniela

Daniela und Luda

... wie ein Profi

Ich war ein ausdauernder Tänzer

Daniela und Eshref beim Tanz

Brauttanz

Tanz junger Frauen

Max mit Eshref und Daniela

Das Hotel war eine Spitzen-Lokalität mit wunderbarem Blick über ganz Pristina. Zur Freude des Magens gab es ein feines Essen in 5 oder 6 kleinen Schritten, sodass man immer wieder Tanzen konnte: Früchteteller, kalte Fleisch- und Salat-Platte, gerollter Palatschinken mit Käse, Frikadelle, Rindfleisch gekocht mit Pommes und Gemüse, und zum Abschluss Hochzeitstorte mit Baklava und Eis, dazu alle Arten von Mineralwasser, Säften, Bier und auch albanischen Wein. Ich glaube, es war mein erster festlicher Anlass, an dem ich keinen Schluck Wein getrunken und auch nicht das Bedürfnis danach hatte..

Die Familien von Braut und Bräutigam
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Eltern der Braut

Die Brüder der Braut

Jungmannschaft der Braut-Familie
Eshref, Etem und Luda, die Geschwister des Bräutigams Nehat
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Flori und Etem

Semir, Luda mit Sohn Albian

Eshref und Danela
Die Familie des Bräutigams Nehat
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Onkel von Nehat: Misim und Nadire

Onkel von Nehat Gafur

Mirisha

Brautpaar mit "neuer" Familie

Brautpaar mit Eshref, Daniela und Leon

Merita mit neuer Schwiegermutter Elfete

Montag, 30. Aug: Frauentag

Der Frauentag ist der Tag der Frauen. Da treffen sich die Frauen mit der Braut und nehmen sie in ihren Kreis auf. Derweil irren die Männer umher, denn zu Hause sind sie nicht geduldet. Wir besuchten zum Beispiel die Nachbarschaft und Verwandte.

Ich habe mich dann doch zu den Frauen gewagt und aus Distanz ihrem Treiben zugeschaut. Sie tanzten und plauderten miteinander, die Braut zog sich von einem Kleid ins andere um, und sie schauten im Brautzimmer die Geschenke und Stickereien an. Es wimmelte von Frauen und Kindern. Gegen Abend geschah dann auch das unfassbare: die heutige Hitze von 39 °C sank unterstützt von starken Winden innert wenigen Stunde auf unter 20 °C. Ich musste mir einen Faserpelz-Pulli anziehen, den ich glücklicherweise eingepackt hatte.

Ich finde diese Tradition des Frauentags schön und zweckmässig, denn die Braut wird ja von einem Tag auf den anderen von der bisherigen, gewohnten Umwelt in einer ganz neue Umgebung eingepflanzt. So lernt sie ihre neuen Freundinnen und Leidensgenossinnen, aber auch deren Nebenbuhlerinnen kennen. Auch im Kosovo gibts dieselben Eifersuchts-Geschichten wie bei uns, nur haben die Frauen gelernt, damit umzugehen.

Bilder zum Frauentag
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Merita in der Tracht als Nuse
vor ihren Geschenken

Ein Zimmer voller Geschenke

Merita führt ihr Abendkleid vor
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Anina mit Schweizerfahne

Leon mit Schweizerfahne

Jubel von der Terrasse
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Tanz der Nusen

Leon mit Zweig und Brautschleier

Merita demütig

Gesang der Jungfrauen

Merita

Mütter und Grossmütter

31. Juli: Erster Tag nach der Hochzeit

Wie gewohnt stand ich erst um etwa 9 Uhr auf und begab mich hinauf ins alte Haus zum Morgen-Kaffee/Frühstück. Erstmals sah ich Merita in normaler Freizeitkleidung. Sie hat bereits die Aufgabe ihrer Schwiegermutter übernommen und bot mir einen türkischen Kaffee an. Von den anderen männlichen Kaffee-Trinkern wurde ich bereits gestern auf die Tradition aufmerksam gemacht, dass man der Braut zum 1. türkischen Kaffee nach der Hochzeit einen Geld-Schein zwischen Tasse und Unterteller schiebt. Dies bringe Glück und Segen.

Ein typischer Tagesablauf bei den Krasniqis

Was ist schon typisch. Die Alten und Einheimischen passen sich den hohen Tagestemperatuen an. Weil es so heiss ist, schlafen sie tagsüber oft, gehen früh zu Bett und stehen dafür bei Morgengrauen bereits auf.

Wir Gäste (inkl. Eshref und Daniela) gehen erst spät zu Bett, da man sich so viel zu erzählen hat. Ich habe immer wunderbar geschlafen und bin erst um 9 Uhr aufgestanden.

Gani hat den ganzen Tag etwas zu tun und ist froh, dass ihm Milain bei der Arbeit hilft. Steine, Zigaretten-Stummel und Abfälle auf dem Vorplatz werden zusammengelesen, auch die beiden Kühe und das Kalb verlangen ihre Zuwendung. Sodann muss auch der für Selbstversorger so wichtige Garten gepflegt werden .

Kochen und Essen
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Elfete beim Kochen auf Holz-Herd

Etem beim Kochen

Tisch decken

Max ist hungrig

Gani und Nehat

Merita am Tag nach der Hochzeit

... Gani nach dem Essen

Für meine beiden Enkelkinder Anina und Leon war der Kosovo ein Paradies. Auf dem Hof ihrer Grosseltern konnten sie den ganzen Tag herumtollen. Auch das Spiel mit Wasserfarben bildete kein Hinderungsgrund. Sie konnten auf dem Boden weitermalen.

Für mich aber auch Eshref und Daniela stand die Hochzeit im Vordergrund. So kamen andere Möglichkeiten wie Shopping und Eis-Essen in Pristina zu kurz, Ausflüge lagen diesmal gar nicht drin. Dabei wäre ich gerne nochmals nach Prizren gefahren. Ganz in der Nähe auf dem Weg nach Gjilan soll sich eine sehenswerte Ritter-Burg befinden. Das Gebiet um Mitroviza hätte mich auch noch interessiert.

Kinder beim Spiel
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Anina und Leon beim Malen

Wasserfarben

Beide malen
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Anina bekommt ein Kinder-Tatoo

Leon mit Tatoo

Anina mit Tatoo

Infrastruktur im Kosovo

Elekr. Strom

Leider ist die ganze Infrastruktur im Kosovo mangelhaft. Der ganze Kosovo wird durch 2 Kraftwerke mit elektr. Strom versorgt, deren Leistung jedoch die Bedürfnisse nicht abdecken kann. Aus diesem Grund wurde das Land im 2006 in drei Kategorien eingeteilt:

Sushica zählt zur letzteren Kategorie, weil in dem Gebiet Serben und Albaner gemischt wohnen. (Bem: Die Elektrozähler sind gar nicht angeschlossen!)

Aus diesem Grund kocht man eben noch mit Holzofen oder Gasflaschen. Ueberall stehen Wachskerzen herum, weil nachts oft kein elektrisches Licht brennt. Viele Haushalte schaffen sich Strom-Generatoren an, um die stromlose Zeit zu überbrücken. Nachdem es mir zu bunt wurde, weil ich nicht mehr duschen und auf dem WC spühlen konnte, habe ich einen Honda-Stromgenerator angeschafft mit 14 KW Nennleistung (9 KW Dauerleistung). Mit dem können nun die Eltern den Kochherd, Warm-Wasser-Boiler, Kühlschränke/Tiefkühler und Lampen/Fernseher nebeneinander betreiben.

Press für grösseres Bild

Wassertransport vom See oberhalb Pristina
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Wasser

Wasser bildete das Haupt-Thema, wenn sich Erwachsene trafen. Hier im Kosovo habe ich erstmals in meinem Leben erfahren, wie wichtig Wasser ist. Wasser ist Leben. Nicht nur die Pflanzen verdorren, auch die Menschnen leiden ohne Wasser. Oft konnte ich nicht duschen, oder das Duschwasser war eiskalt, oder nach der Toilette gabs kein Wasser zum Spühlen. Es war wie im Militär ....

Im Kosovo ist die Wasserversorgung ein Problem. Das öffentliche Wassernetz liefert manchmal Wasser, manchmal auch keines. Ueber die Qualität ist man sich nicht so einig (vermutlich schlecht, wegen der maroden Leitungen). Die Kosovaren haben damit zu leben gelernt.

Die Eltern von Eshref bezogen ihr Wasser von 4 Stellen:

Land und Leute

Der Kosovo liegt im Zentrum der Balkanhalbinsel völlig von Festland umgeben. Er grenzt im Südwesten an Albanien, im Nordwesten an Montenegro, im Norden und Osten an Serbien, im Südosten schließlich an Mazedonien. Der Kosovo ist nicht gross. Mit 10'800 km² ist es nur doppelt so gross wie unser Kanton Bern oder entspricht ¼ der Grösse der Schweiz. Er ist dicht besiedelt. Die Bevölkerung wird auf etwas unter 2 Mio. Einwohner geschätzt, dazu kommen noch etwa 400'000 Kosovaren, die im Ausland leben. Die Bevölkerung setzt sich aus ca. 91% Albaner, 5% Serben und 4 % übrige Mindeheiten zusammen

Die UNMIK-Verwaltung im Kosovo

Nach dem Krieg 1999 bekam der Kosovo durch die UN-Resolution 1244 den Status eines autonomen Territoriums innerhalb der ehemaligen Bundesrepublik Jugoslawien (jetzt Republik Serbien) und steht unter Verwaltung der UNMIK (UN Mission in Kosovo). So haben nun in den Jahren nach dem Krieg alle Autos neue Autonummern mit dem Länderkennzeichen "KS" erhalten. Es dürfen auch keine Autos älter als 8 Jahre eingeführt und in Betrieb genommen werden. Die Motofahrzeug-Führerausweise im Kreditkarten-Format werden von der UNMIK herausgegeben und unterschriebem. Ich denke, dass auch die übrigen Ausweise wie Personal-Ausweise/Pässe von der UNMIK herausgegeben werden.

Klima

Wie ich in einschlägiger Literatur gelesen habe, ist das Klima Im Kosovo ausgeprägt kontinental mit heißen Sommern und kalten Wintern; die Temperaturen sollen zwischen 35 Grad im Sommer und minus 18 Grad im Winter liegen.

Als ich im Kosovo ankam, was es heiss, sehr heiss. Die Einheimischen beklagten seit Wochen Sonne und Hitze bis 45°C. Ich habe Temperaturen bis 39°C erlebt. Wegen der tiefen Luftfeuchtigkeit sind diese Grade jewdoch besser auszuhalten als in der Schweiz.

Die Kosovo-Albaner und ihre Familien-Tradition

Die Kosovo-Albaner sind zwar Muslime, gelten aber als gemässigt religiös. Sie haben zur Erfüllung moslemischer Vorschriften ein sehr entspanntes Verhältnis. Ich habe nie einen betenden Muslim gesehen. Sie trinken auch Alkohol, aber sehr wenig. Die Hitze lässt es nicht zu. Es erstaunt, dass in der Stadt viel Werbung für Bier gemacht wird. Ich habe in der ganzen Zeit keinen Tropfen Alkohol zu mir genommen, denn vor 4 Jahren war ich nach dem Genuss einer Büchse Bier für den Rest des Tages angeschlagen und nicht mehr zu gebrauchen. Ich trank immer Wasser aus der privaten Quelle der Krasniqis, den heissen russischen Tee oder den türkischen Kaffee.

Verwandte
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Schwestern und Mutter von Elfete

Frauen am runden Tisch

Jung-Mannschaft

Enver und Ylli

Gafur

Mejidi

Enver mit seinem Polizeiauto

Milaim und sein Sohn Ylli

Vessel mit Anina

Der Familienzusammenhalt ist gross und für uns West-Europäer unvorstellbar. Wie nennen wir bei uns die weihnachtlichen oder österlichen Familien-Treffs despektierlich: "Familien-Türk". Hier im Kosovo existiert noch die Gross-Familie. Grosseltern, Eltern, Kinder, 3-4 Generationen im selben Haus oder Dorf. Man besucht sich unangemeldet und isst zum Mittag- oder Nachtessen einfach mit. Es hat immer Platz und immer Speis und Trank. Man wird immer gerne gesehen. Wenn ich mich recht erinnere, sassen bei jedem Essen 10-15 Personen zusammen.

Trotz aller Probleme im Kosovo mit über 50% Arbeitslosigkeit, einem durchschnittlichen Arbeiter-Monatslohn von € 250-300, einer Rente von € 50 geht es den Bewohnern im Vergleich zu den umliegenden Ländern gar nicht so schlecht. Im Kosovo ist es schon lange Tradition, dass in jeder Familie die männlichen Nachkommen nach West-Europa zur Arbeit gehen, um mit ihrem Erwerb die Zurückgebliebenen zu unterstützen. Aus diesem Grund ist auch über die Hälfte der hiesigen Bevölkerung unter 25 Jahre alt! Die mittlere Altersklasse fehlt. Sie ist im Ausland. Wen wundert es, dass die durch die Serben zerstörten Häuser mehrheitlich durch neue Einfamilienhäuser ersetzt sind. So ist es auch nicht erstaunlich, dass viele, wenn nicht die meisten der männlichen Bewohner Deutsch sprechen und verstehen, weil sie irgendwann im Ausland arbeiteten.

Diese Tradition hat aber auch seine Nachteile und ihren Preis, denn die meisten der jungen Kosovo-Albaner, die ich getroffen habe, sehen keine Zukunft mehr in ihrer Heimat. Sie möchten im Westen sesshaft werden und nur noch in den Ferien zurück in den Kosovo fahren.

In der Sommerzeit, wenn die Ausland-Kosovaren ihre Familien besuchen und ihr Status-Symbol zeigen, wimmelt es von PS-starken Limousinen und sportlichen Autos in silbrigen, schwarzen und knalligen Farben, fast ausnahmslos mit ausländischen Nummernschildern. Man sieht vorallem die Kennzeichen für die Schweiz (CH), Deutschland (D), Oesterreich (A), Norwegen (N) und Schweden (S).

Die Produktivität, die Beschwerde und Reklamation

Man nimmt es im Kosovo gemütlich, man ist aber nicht faul, oh nein im Gegenteil. Aber es gibt keinen Grund, sich zu beeilen. Uns zivilisierte West-Europäer ärgert diese Unzuverlässigkeit. Für die Einheimischen jedoch ist unsere Hektik unbegreiflich, denn es dauert ja noch so lange, bis es Nacht wird.

Was bedeutet dies? Man muss sich danach einrichten und danach leben. Wenn man z.B. etwas aufs kommende Wochenende braucht, dann sollte man den Termin bereits auf Dienstag festlegen, damit man sich ab Dienstag beschweren kann.

Das Beschweren im Kosovo hat Tradition und funktioniert nach ganz speziellen Ritualen (=Regeln): Zu Hause schimpft man über die schlimme Unzuverlässigkeitund verrät, wie man dem die Hölle heiss machen werde.

Beim Verursacher der Verzögerung schimpft man nicht mehr. Man beschimpft doch keinen Mann! Nein, man setzt sich hin, bietet einander Zigaretten und Tee oder Cola an. Plaudert über das fehlende Wasser und die grosse Hitze und zum Schluss kommt die obligate Frage: Kann ich etwas für Sie tun?... und dann schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen, ist entsetzt und verspricht sofortige Hilfe, denn dies sollte nie passieren. Und der Besitzer ruft sofort den Werkstattchef an, schildert ausführlich das Problem und verlangt, dass diese Arbeiten vor seinen eigenen beendet werden müssen. Nach etwa einer Stunde stehen beide glücklich und zufrieden auf, wissend, wiederum ein schönes Gespräch geführt zu haben, und verabschieden sich wie alte Freunde!.... und so enstehen im Kosovo langdauernde Freundschaften. Jeder ist befreundet mit dem anderen......

Serben und Albaner

Serben und Albaner leben seit jeher wie Katz und Maus miteinander, wobei die Albaner als Muslime eher die friedlicheren sind, weil ihre Religion Streit ablehnt. Die Serben hingegen gehören der serbisch-orthodoxen Kirche an, die den Krieg als Unterstützung und Verteidigung des Glaubens anerkennt. Während der Ära Milosevic unterstützten weite Teile des Klerus dessen serbisch-nationalistische Politik.

Ich selber habe davon nicht viel bemerkt. Aufgefallen ist mir einzig die serbisch-orthodoxe Kirche von Sushica, die in den 90er-Jahren auf einem Fussballplatz gebaut wurde. Sie steht nun da wie ein Mahnmal und man hat das Gefühl, sie ist auch einsam.

Gracanica, das Dorf zwischen Sushica und Pristina ist eine Serben-Enklave mit einem grossen Kloster, das ich gerne besichtigt hätte. Aber es wurde mir verwehrt, denn dies sei viel zu gefährlich. Seit den Unruhen vor 2 Jahren wird der Ort und vorallem das Kloster durch schwedische KFOR Truppen beschützt.

Die Kirche des Klosters wurde im 14. Jahrhundert erbaut und ist reich mit Fresken ausgeschmückt. Das Kloster ist Sitz des orthodoxen Bischofs von Raszien und Prizren. Die Kirche gilt als eines der schönsten Beispiele für späte byzantinische Architektur. Im Juli 2006 wurde das Kloster in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Die Sprache der Serben und Albaner

Die serbische und albanische Sprachen sind total unterschiedlich. Das Serbische wird den slawischen Sprachen zugeordnet. Sowohl nach grammatikalischen Kriterien als auch im Vokabular ist die serbische Sprache der kroatischen und bosnischen Sprache so ähnlich, dass sich alle Serbischsprechenden mühelos mit Sprechern des Bosnischen und Kroatischen verständigen können. Aufgrund dessen ist umstritten, ob Serbisch eine Sprache oder eine nationale Varietät des Serbokroatischen ist. Serbisch wird primär in kyrillischer Schrift, aber auch in Lateinischer Schrift geschrieben.

Die albanische Sprache wird in Albanien, mehrheitlich im Kosovo, in einigen weiteren Teilen Serbiens und Montenegros und in Mazedonien gesprochen. Auch in Süd-Italien (ca. 100.000 Sprecher), wo sie als Arbëresh bezeichnet werden, und in Griechenland, wo sie als Arvaniten bezeichnet werden, gibt es alteingesessene albanischsprachige Minderheiten. Die albanische Sprache wird mit lateinischen Buchstaben (phonetisch) geschrieben.

Im Internet gibt es ein interessantes Wörterbuch Deutsch - Albanisch unter http://www.fjalor.de. Einige wichtige Worte für den allgemeinen Sprachgebrauch findet ihr in meinem "Kosovo-Bericht 2003".

Die Zukunft des Kosovo

Ich sehe ein grosses Problem auf den Kosovo zukommen. Heute werden Hunderte von Mio an Euros durch die Mitarbeiter der UNO-Truppen KFOR, der verschiedenen Hilforganisationen und anderer ausländischer Organisationen im Kosovo ausgegeben. Es ist unglaublich, wieviele KFOR und UN-Fahrzeuge herumfahren. Jeder dieser Mitarbeiter verfügt über ein solches Fahrzeug. Diese Einnahmen werden dem Lande fehlen, sobald diese Organisationen das Land verlassen werden.

Aus diesem Grund ist es dringend, dass mit dem Kosovo etwas geschieht. Die Staatengemeinschaft ist gefordert. Der Kosovo sollte selbständig werden, denn das Land ist reich an wertvollen Bodenschätzen und könnte damit überleben..

Leider haben die USA und EU im Juli 2007 ihren UNO-Antrag zur Selbständigkeit des Kosovo wegen des drohenden Vetos der Russen zurückziehen müssen. Ich vermute nun, dass der Kosovo noch im Herbst/Winter 2007 seine staatliche Unabhängigkeit erklären wird und die USA und EU werden diese unverzüglich anerkennen. Es wird zu einem fait-à-complis kommen.

Das schlechteste Lösung für die Bevölkerung wäre jedoch ein typischer UN-Kompromiss, weil man nicht mehr weiter weiss und keinen Mut zu Tatsachenentscheiden hat. Dies wäre eine weitere Aufteilung des Kosovo in die mehrheitlich von Serben und Albanern bewohnten Gebiete. Dies wäre nach meiner Meinung jedoch keine Lösung. Damit würde das ganze Gebiet wieder zu einem Pulverfass, das unverzüglich explodieren würde.

Traditionen

Flija Backen

Ist Flija eine National-Speise? Ich weiss es nicht. In jedem Fall ist es eine geschmackvolle Spezialität, die zwei Kusinen von Merita für uns zubereitet haben. Flija ist eine Art Pastete oder Palatschinken aus mehreren Teigschichten, zwischen denen mit einer Creme aus Sauerrahm/Schmand verfeinert wird.

Es braucht als Infrastruktur ein Holzfeuer und heisse Glut. Mit diesem Feuer werden je nach Anzahl Flijas 1 oder 2 grosse Pfannen-Deckel aufgeheizt. Damit die Wärme länger gespeichert bleibt, werden die Deckel mit einer etwa 1 cm dicken Asche- und glühender Holz-Schicht bedeckt.

Dann braucht es zwei typische flache Kosovo-Pfannen etwa 8 cm hoch und 50 cm Durchmesser, in denen das Flija zubereitet wird. Grundsätzlich gilt: Nur Oberhitze, die von den aufgeheizten Pfannen-Deckeln geliefert wird. Der flüssige, sämige Flija-Teig ist einfach und besteht aus Wasser, Mehl und etwas Salz und Oel.

Nun werden mit einem grossen Suppenlöffel rundherum Teig-Streifen in Form eines Wagenrades vom Rand zur Mitte gegossen. Nach jeder Schicht wird der erhitzte Deckel auf die Pfanne gelegt, damit der Teig leicht gebacken wird.

Nach jeder Schicht gibt es eine feine Zwischenschicht mit Rahm/Schmand, damit die Flija feucht bleibt und die einzelnen Schichten nicht aneinande kleben (Dies ist wichtig beim anschliessenden Essen von Hand). Ich denke, die Zusammensetzung der Zwischenschicht könnte variiert werden z.B. mit Käse, gemahlenen Nüssen oder Mandelcreme.

Der Zeitaufwand ist gross. Bis eine solche Flija essbereit ist, dauert es ungefähr 1-2 Stunden, denn es werden 10-20 dünne Schichten aufgegossen und immer wieder gebacken.

Im Internet habe ich ein Flija-Rezept gefunden. Ich habe es abgeschrieben und ihr könnt es durch anklicken lesen.

Und nun zum eigentlichen Flija-Essen. Wie gewohnt wäscht man sich die Hände, denn auch hier isst man von Hand. Man reisst sich Stücke aus dem "Kuchen", wobei ich den knusprigen Deckel am liebsten mochte. Dazu gibts die typischen Beilagen wie Feta-Käse, Rahmquark (=Long), gedämpfte Peperoni, eingemachte saure Gurken, Rührei etc und zum Trinken Wasser. Und zum Abschluss gibt es wie bei jedem Essen den typischen Russischen Tee in kleinen Gläsern. Ich bin ja süchtig nach diesem Tee.

Backen von Flija
(Klick aufs Bild für grosse Darstellung)

Pfannen und Feuer

Creme aufpinseln

Streifen Pfannkuchenteig aufgiessen

Der Flija wächst

Leon überwacht das Feuer

Pfannendeckel werden aufgeheizt

Pfannendeckel strahlen Oberhitze ab

Flija isst man von Hand

Gani geniesst Flija

Russischer Tee

Im Kosovo kommt man um den sog. Russischen Tee "çaj rusit" nicht herum. Er wird in einer Doppel-Decker-Kanne, "Gjygymi" genannt, angesetzt. Im unteren grösseren Krug wird das Wasser gekocht und im oberen kleineren Krug der Schwarztee aufgegossen. Dann füllt man das Teeglas (meistens kleine schmale Glaser ) mit dem Schwarztee-Konzentrat vom oberen Krug etwa 1.5 cm hoch und der Rest wird mit dem gekochten Wasser vom unteren Krug aufgefüllt. Je nach Lust wird der Tee mit 1-2 Teelöffel gesüsst und mit Zitronenstückchen verfeinert.

Warum nennen die Kosovaren diesen Tee "Russicher Tee"? Die Russen trinken fleissig Tee. Sie haben sogar einen speziellen Teekocher erfunden: den Samowar und der Giygymi ist nichts anderes als ein einfacher Samowar.

SHOTA: Albanischer resp. Bosnischer Tanz

Bei jedem grösseren Fest wird im Kosovo getanzt, so selbstverständlich auch an einer Hochzeit. Der Tanz (Valle) im Kosovo ist ein Zeichen der Freude und Gemütlichkeit. Die Einheimischen erwarten, dass auch Fremde mittanzen. Man tanzt alleine, zu zweit oder in Gruppen, Männer und Frauen gemischt. Man tanzt wie in einer Pollonaise, indem man sich die Hände reicht, jedoch immer in Richtung der rechten Hand. Die Tanz-Schlange hat demnach immer ein Anfang und ein Ende. Der erste Tänzer ist der Vortänzer. Dies kann ein Mann oder eine Frau sein. Er hält in seiner rechten Hand ein meist weisses Tüchlein in die Höhe. Er bestimmt den Rythmus und den Schritt. Der Grund-Schritt ist einfach, aber er geht über 5 Takte (hoffentlich schreibe ich da keinen Mist!).

Kleidung und Schmuck

Die Männer (vorallem auf dem Lande) sind in der Kleidung zurückhaltender, als bei uns. Man muss sie ins Geschäft tragen, damit sie sich etwas Neues kaufen. Bei feierlichen Anlässen kommen sie zwar gepflegt daher, aber immer in einem konservativerem und einfacherem Aussehen als die Frauen. Eine Kravatte gehört bereits zum absoluten "overdressed", aber für den Hochzeitsabend ein MUSS!

Nusen
(Klick aufs Bild für grosse Darstellung)

Familien-Oberhaupt mit seinen Nusen
Daniela in ihrer Nusen-Tracht

Die Frauen sind in der Beziehung das genaue Gegenteil. Vorallem im Vorheiratsalter sind die Mädchen und Frauen sehr modern und körperbetont angezogen, aber kein bisschen offenherzig. Man deutet an, was man hat, und dazu gehört auch die "üppige" Oberweite, die mit Push-Up-BH noch vergrössert wird. Am Bazar fiel mir bereits vor 4 Jahren auf, dass es dort fast keine feinen Spitzen-BHs gab, sonden ausnahmslos nur "Panzer-BHs", die vergrössern, aber auch alles abdecken.

Vorallem an festlichen Anlässen tragen die Frauen viel Gold-Schmuck. Ringe an jedem Finger, Gehänge an den Ohren und wunderbare schwere Ketten um den Hals. Damit zeigen Sie die grosse Liebe ihres Mannes. Der Gold-Schmuck ist ihr einziger Rückhalt, wenn ihrem Mann etwas passieren sollte. Mit Schmuck schützen sie sich aber auch vor den bösen Blicken "feindlicher" und eifersüchtiger Rivalinnen. Im Kosovo glaubt man immer noch an die bösen Flüche und schützt sich dagegen mit entsprechenden blauen Steinen.

Eine ganz spezielle Kleidung ist die der "Nuse", das ist die Tracht der verheirateten Frauen. Sie wird an festlichen Anlässen wie Hochzeiten getragen. Sie besteht aus den weissen Pluderhosen "Dimija", dem goldenen Gilet "Jelek" und/oder dem Samt-Mantel "Dalam", den es in blau, grün oder rot bestickt mit Silber- oder Gold-Fäden gibt.

Was einem negativ auffällt, ist der miserable Zustand der Zähne vieler Männern. Den meisten älteren Einheimischen fehlt ein grosser Teil der Zähne oder man muss befürchten, dass einer seiner letzten Zähne am bereits dünnen Zahnhals abbricht. Bei den Frauen hingegen kommt dies recht selten vor. Ich denke, dass der Grund beim Rauchen der Männer und ihrer Angst vor dem Zahnarzt liegt.

Ausblick

Es waren wunderbare 10 Tage bei den Krasniqis. Ich wurde aufgenommen wie ein Familienmitglied, als würden sie mich seit Geburt kennen. Und dieses Gefühl war für mich am schönsten.

Ich komme in 2-3 Jahren wieder, so es meine Gesundheit erlaubt. Wie habe ich mich doch dazu geäussert: Dann benötige ich aber ein Liegebeet, um mein Mittagsschläfchen unter einem der schönen Nussbäume zu halten... ich erwarte kein Swimmingpool!

Nachtrag vom Aug. 2015: Mein Versprechen habe ich nicht eingehalten. Ich kam erst wieder nach 8 Jahren im Juli 2015 ... und leistete mir ein echtes Liegebett.

 

Autobiografie von Max Lehmann
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